Was Sie schon immer über die Ying- und Wei-Disharmonie wissen wollten, sich aber nie getraut haben zu fragen

Andreas Kalg

Wenn man eine Ausbildung in Chinesischer Arzneimitteltherapie beginnt, hört man gleich am ersten Tag der Rezepturenlehre bei der Besprechung der Rezeptur GUI ZHI TANG (Zimtzweigsuppe) von der so genannten Ying-Wei-Disharmonie. Als Schüler schluckt man diesen Begriff und hat eine vage Vorstellung davon, dass es etwas mit Fieber und Schwitzen beim so genannten Oberflächen-Leere-Muster zu tun hat, bei dem das Schwitzen aber nicht ausreicht, um die in die Oberfläche eingedrungene Wind-Kälte wieder auszutreiben. Deswegen hat der Patient Fieber, das von allein nicht wieder weggeht.

Um diesen Zustand zu behandeln, wendet man die Rezeptur GUI ZHI TANG aus dem Shang Han Lun an. Anschließend soll der Patient noch eine Schale Reissuppe trinken, sich ins Bett legen und leicht schwitzen. Danach sind auf wundersame Weise Ying und Wei wieder harmonisiert, das Fieber sinkt und der Patient ist wieder gesund. So weit so gut, so weit so richtig. Wenn das am Ende einer Kräuter-Ausbildung hängengeblieben ist, ist das schon viel wert! Doch wenn das alles ist, was man unter der Ying-Wei-Disharmonie versteht, wird man es in der Praxis nicht allzu oft anwenden können. Mit einer Erkältung im Anfangsstadium kommt kaum ein Patient zum Heilpraktiker oder TCM-Arzt. Jeder von Ihnen hat sicher schon diese Anrufe bekommen: „Tut mir leid, ich muss meinen Termin heute absagen, ich bin erkältet und habe Fieber.“ Patienten haben die oft aus leidvoller Erfahrung gewonnene Überzeugung, dass Erkältungen mit Behandlung genau so lange dauern wie ohne und wenn sie damit zum Arzt gehen, dann hauptsächlich wegen der Krankschreibung oder weil sie Tabletten gegen die lästigen Kopf- und Gliederschmerzen und das Fieber verschrieben haben wollen.

Wenn wir Patienten mit einem Taiyang-Oberflächen-Leere-Muster in der Praxis also nicht sehen, können wir GUI ZHI TANG vergessen oder bestenfalls die eigenen Kinder und Ehepartner damit beglücken? („Ach, Mami schon wieder mit ihren Kräutern – auch das noch!“) Mitnichten!

Prof. Huang Huang aus Nanjing meint, dass GUI ZHI TANG nicht einfach eine Rezeptur ist, mit der man Erkältungen oder Fieber behandelt, sondern eine Rezeptur zur Regulierung der Konstitution ist. Und welchen Konstitutionstypen behandeln wir mit GUI ZHI TANG? – einen etwas schwächlichen, dünnen, blassen Menschen, mit einer blass-roten, zarten, leicht feuchten Zunge und schwachem, gemächlichem Puls, der leicht schwitzt. Diese Patienten bekommen oft Schweißausbrüche, wonach sie frösteln und sich unwohl fühlen, sie neigen zu Herzklopfen oder verspüren ein unangenehmes Pulsieren im Epigastrium oder Abdomen. Sie ermüden leicht und sind schnell erschöpft; es mangelt ihnen an körperlicher Kraft und Durchhaltevermögen. Manche dieser Patienten neigen auch zu Bauchschmerzen oder Bauchkrämpfen, andere leiden unter Schlafstörungen. Insgesamt reagieren diese Patienten sehr empfindlich auf Kältereize und erkranken auch leicht an Erkrankungen des Herz-Kreislauf- und Gefäß-Systems sowie an Erkrankungen des Verdauungssystems. Für Huang Huang ist GUI ZHI TANG ein wahrer Stärkungstrunk!

Daran sieht man schon, dass sich das Konzept der Ying- und Wei-Disharmonie nicht nur auf Erkältungen beschränken lässt. Es ist viel größer bzw. man kann es viel weiter fassen. Doch was genau bedeutet eine „Ying-Wei-Disharmonie“? Da das Wissen darum als zu den Basics gehörend vorausgesetzt wird, traut sich niemand nachzufragen. Es könnte ja peinlich sein, wenn alle es wissen, nur man selber nicht. Doch vielleicht nicht jeder, der glaubt es verstanden zu haben, hat es auch richtig verstanden. Es schadet nichts, sich einmal etwas gründlicher Gedanken über Ying und Wei zu machen. Schauen wir uns dazu zunächst einmal an, was Ying und Wei für sich genommen für Substanzen sind und dann, was eine Ying-Wei-Disharmonie genau bedeutet.

Charakteristika des Wei 衛(, auch Wei-Qi oder auf deutsch Abwehr-Qi genannt:

  • Das Wei (Abwehr-Qi) erhält sein Qi vom Ursprungs-Yang aus dem unteren Wärmebereich.
  • Es zirkuliert außerhalb der Gefäße.
  • Es ist die Basis des Qi.
  • Wei wärmt die Haut und kontrolliert das Öffnen und Schließen.

Charakteristika des Ying 營(, auch Ying-Qi oder auf deutsch Nähr-Qi genannt:

  • Das Ying (Nähr-Qi) hat seinen Ursprung im mittleren Wärmebereich, stammt aus der von Milz und Magen verdauten Nahrung, wörtlich aus dem „Wasser und Getreide“.
  • Es zirkuliert innerhalb der Gefäße.
  • Es ist die Basis des Blutes.
  • Ying ernährt die inneren Organe, die zang-fu, und alle Gewebe des Körpers, indem es Körperflüssigkeiten und Blut erzeugt.

Sind Ying und Wei ausgeglichen, also im Zustand der Harmonie, sind auch Yin und Yang wie auch Qi und Blut harmonisch miteinander verbunden. Ja, manche Ärzte und TCM-Gelehrten gehen sogar so weit, zu sagen, dass es im Grunde gar keine wesentlichen Unterschiede zwischen Ying, Blut und Yin auf der einen Seite und Wei, Qi und Yang auf der anderen Seite gibt. Ying ist demnach Blut und beides gehört zum Yin. Wei ist demnach Qi und beides gehört zum Yang. Daher findet man in chinesischen Texten sehr häufig Begriffe wie Ying-Blut (ying xue ) oder Ying-Yin (ying yin ) und Wei-Qi (wei qi卫气) oder Wei-Yang (wei yang卫阳). Den bei uns üblichen Begriff „Ying-Qi“ für „Nähr-Qi“ findet man in chinesischen Quellen äußerst selten. Der ist im Grunde auch etwas missverständlich, so wie ein schwarzer Schimmel. Auf der ganz großen Ebene betrachtet ist zwar alles Qi. Somit ist auch das Yin ein Aspekt des Qi. Doch auf der konkreten Ebene gehört Qi eben mehr zum Yang und nicht zum Yin und das Ying gehört eben zum Blut und zum Yin und hat daher mit Qi nicht so viel gemein. Mit der Vorstellung, dass das Nähr-Qi eigentlich Blut ist und das Abwehr-Qi eben Qi ist, fährt man praktisch am besten.

Verschiedene Formen einer Ying-Wei-Disharmonie

Wie zeigt sich nun eine Ying-Wei-Disharmonie?

Bei Störungen der Ying-Wei-Harmonie ernährt und befeuchtet das Ying nicht mehr das Innere und das Wei wärmt und kontrolliert nicht mehr das Äußere. Wenn das Wei nicht mehr das Äußere festigt, geht Ying nach außen verloren und der Mensch zieht sich leicht äußere Pathogene zu. Dies ist also das altbekannte Oberflächen-Leere-Muster. Man kann es als eine leichte Ying-Wei-Disharmonie verstehen, weil sich die pathologische Störung lediglich außen in der Oberfläche abspielt. Doch eine Ying-Wei-Disharmonie kann sich auch im Körperinneren abspielen. Dann redet man von einer schweren Ying-Wei-Disharmonie. Dabei sind Ying und Wei vollständig voneinander getrennt, arbeiten nicht mehr harmonisch zusammen. Die ernährende und befeuchtende Wirkung des Ying ist erheblich beeinträchtigt und die wärmende und Qi transformierende Wirkung des Wei ist ebenfalls gestört. Dies führt zu pathologischen Verteilungen der Körperflüssigkeiten, einem gravierenden Mangel an Qi und Blut und Erkrankungen der inneren Organe (zang fu).

Manifestationen einer Ying-Wei-Disharmonie

Das Ying ist hier schwach und Wind dringt in die Wei-Ebene ein. Das typische Symptom dafür ist die Windaversion und leichtes Frösteln. Zur Abwehr drängt das Yang-Qi nach außen und kämpft mit dem Pathogen. Spürbares Resultat dieser Auseinandersetzung ist Fieber, was meist auch mit Kopf-, Nacken- und Gliederschmerzen einhergeht. Das nach außen drängende Wei-Yang reißt das schwache Ying mit sich. Deswegen schwitzt der Patient, zeigt also das charakteristische Fieber mit Schwitzen. Die erkrankte Ebene ist die Oberfläche, während das Yin in den Gefäßen schwach ist. Daraus ergibt sich das typische Pulsbild. Man fühlt also entsprechend einen oberflächlichen und schwachen, gemächlicher Puls.

Analyse der Symptome

Der nährende Aspekt von Ying/Blut/Yin im Inneren ist geschwächt. Der verteidigende bzw. abwehrende Aspekt des Wei/Qi/Yang drängt nach außen, ist zwar auch geschwächt, weil er nur wenig Nachschub vom schwachen Ying erhält, ist aber relativ gesehen im Übermaß. Daher finden wir die Yang-Symptomatik mit Fieber, Kopf- und Nackenschmerzen, oberflächlichem Puls, Nasengeräuschen oder Würgen vor. Die Nase gehört bekanntlich zum Lungen-System, also auch zur Oberfläche. Daher kann man die Nasensymptomatik gut als Teil der Oberflächenpathologie verstehen. Doch wie kommt es zu dem merkwürdigen Symptom des Würgens, wörtlich übersetzt: „trockenes Erbrechen“? Das hängt damit zusammen, dass das Wei-Yang nach außen und oben drängt. So kommt es auch zu dem Phänomen, dass „das Qi nach oben aufsteigt“, wie es im Absatz 15 des Shang Han Lun heißt. Daran sieht man deutlich, dass eine Ying-Wei-Disharmonie nicht nur die Oberfläche, sondern auch das Innere betreffen kann. Manche späteren Ärzte haben das Konzept der Ying-Wei-Disharmonie auf viele verschiedene innere Erkrankungen übertragen. Das macht auch Sinn, da der Magen-Darm-Trakt schließlich auch nur eine innere Oberfläche ist, die vom Ying durchblutet und vom Wei geschützt wird. Beispielsweise war für den Qing-zeitlichen Arzt Fei Boxiong die Regulierung von Ying und Wei eine Basis-Strategie zur Behandlung vieler schwerer innerer Erkrankungen, unter anderem auch bei Bi-Syndromen. Diese Erkenntnisse gäben Stoff für eine eigene Abhandlung, würden hier jetzt den Rahmen sprengen. Daher will ich wieder zurückkehren zum Shang Han Lun. Dort wird die Ying-Wei-Disharmonie in zwei Absätzen ausdrücklich erörtert und auch beschrieben, wie man diese Zustände behandelt. In Absatz 12 heißt es: „Taiyang-Windschlag; das Yang geht nach außen und das Yin ist schwach. Das nach außen gehende Yang zeigt sich darin, dass [der Patient] spontan Hitze abstrahlt, [also Fieber hat]. Die Schwäche des Yin zeigt sich darin, dass Schweiß spontan austritt. Bei Kälteabneigung, Windabneigung, mäßigem Fieber, Geräuschen aus der Nase und trockenem Erbrechen behandelt man mit GUI ZHI TANG.“

Im Absatz 95 wird diese Problematik noch einmal aufgegriffen und hier tauchen nur die Begriffe Ying und Wei auch wortwörtlich auf (auch wenn Zhang Zhongjing hier anstelle des Zeichens yíng das synonyme Zeichen róng verwendet): „Taiyang-Erkrankung mit Fieber und Schwitzen. Dies bedeutet, dass das Ying schwach und das Wei stark ist. Deswegen tritt Schweiß aus. Wenn man diese durch pathogenen Wind bedingte Erkrankung behandeln möchte, sollte man GUI ZHI TANG geben.“

Aus diesen Zitaten kann man sich leicht die pathologischen Mechanismen ableiten: Es liegt eine Ying- und Yin-Schwäche im Inneren vor. Aufgrund dessen sind Wei und Yang in der Oberfläche im Übermaß. Aus dem nach außen drängenden Wei-Yang und seinem Kampf gegen das eingedrungene Pathogen ergibt sich das Fieber, aus dem nach oben aufsteigenden Yang-Qi das Würgen, die lauten Atemgeräusche bei der Nasenatmung und die Kopfschmerzen. Während des Fiebers sind die Poren geöffnet und Schweiß tritt aus.

Wird das Ying durch die Behandlung mit GUI ZHI TANG regeneriert und harmonieren Ying und Wei wieder miteinander, verschwinden sowohl Fieber bzw. Hitze als auch Schwitzen und alle anderen Symptome wieder. In diesem Sinne reguliert GUI ZHI TANG nicht nur Ying und Wei an der Oberfläche, sondern führt auch gegensinnig aufsteigendes Qi im Inneren wieder herab.

GUI ZHI TANG ist die erste Rezeptur nicht nur in jedem Kurs der Rezepturenlehre, sondern auch die erste Rezeptur im Shang Han Lun. Viele Ärzte halten sie sogar für die wichtigste Rezeptur von Zhang Zhongjing. Zumindest bildet sie die Grundlage vieler anderer Rezepturen aus dem Shang Han Lun. Diese Rezeptur besser verstehen zu lernen, ist mit Sicherheit der Mühe wert. Abgesehen von Erkältungskrankheiten kann man viele andere Gesundheitsstörungen damit behandeln, wie z.B. chronisch andauerndes niedriges Fieber, klimakterische Beschwerden, Menstruationsstörungen, Verdauungsstörungen, Hautkrankheiten, insbesondere Urtikaria, rheumatische Erkrankungen usw.

Eine gute Gelegenheit zum erneuten Kennenlernen dieser und anderer klassischer Rezepturen bietet unsere Jing-Fang-Ausbildung, die wir immer wieder an verschiedenen Orten Deutschlands anbieten. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf dieser Website unter "Kurse und Termine".