Im Juni 2009 führte ich bei meinem Besuch bei Prof. Huang Huang in Nanjing ein ausführliches Interview mit ihm über die Anwendung der klassischen Rezepturen in der modernen Praxis. Die bereits von mir transkribierten und ins Deutsche übersetzten Teile dieses Interviews möchte ich hier der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Aus ihnen ergibt sich eine kurze Einführung in Huang Huangs System der Anwendung der klassischen Rezepturen, wobei seine Prinzipien sehr klar zum Ausdruck kommen.

von Andreas Kalg und Dietmar Wohl

Das Pulsatilla-Dekokt (Bai Tou Weng Tang) stammt aus dem Shang Han Za Bing Lun. In den überlieferten Ausgaben des Shang Han Lun finden wir es in zwei Absätzen erwähnt und im Jin Gui Yao Lüe in einem Absatz. 

Pulsatilla-Dekokt (Bai Tou Weng Tang) aus dem Shang Han Lunund Jin Gui Yao Lüe:

Pulsatillae Radix (Bai tou weng) 6g

Coptidis Rhizoma (Huang lian) 9g

Phellodendri Cortex (Huang bai) 9g

Fraxini Cortex (Qin pi) 9g

Das Pulsatilla-Dekokt (Bai Tou Weng Tang) ist seit der chinesischen Antike eine sehr wirksame Rezeptur zur Behandlung von akutem Durchfall bei Dysenterie mit Blut und Schleim oder Eiter im Stuhl. Heute würden wir diese Art von Durchfall als infektiöse Gastroenteritis oder ruhrartige Dysenterie bezeichnen. Früher, als man noch keine Mikroorganismen kannte, hat man diese krankheitsauslösenden Angentien als Hitze-Toxine oder Feuchtigkeit-Hitze bezeichnet. Die Rezeptur Bai Tou Weng Tangklärt Feuchtigkeit-Hitze, löst Hitze-Toxine heraus, stillt akuten Durchfall mit Blut und Schleim oder Eiter im Stuhl. 

Neben der traditionellen Anwendung bei infektiösen Durchfällen wendet man Bai Tou Weng Tangheutzutage auch bei anderen Erkrankungen an, die mit Hitze-Toxinen oder Feuchtigkeit-Hitze im unteren Wärmebereich einhergehen. In der modernen TCM-Praxis in Europa wird man wahrscheinlich am häufigsten bei Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Harnwegsinfekten oder vaginalen Entzündungen Gelegenheit haben, diese klassische Rezeptur anzuwenden. 

Was Sie schon immer über die Ying- und Wei-Disharmonie wissen wollten, sich aber nie getraut haben zu fragen

Andreas Kalg

Wenn man eine Ausbildung in Chinesischer Arzneimitteltherapie beginnt, hört man gleich am ersten Tag der Rezepturenlehre bei der Besprechung der Rezeptur GUI ZHI TANG (Zimtzweigsuppe) von der so genannten Ying-Wei-Disharmonie. Als Schüler schluckt man diesen Begriff und hat eine vage Vorstellung davon, dass es etwas mit Fieber und Schwitzen beim so genannten Oberflächen-Leere-Muster zu tun hat, bei dem das Schwitzen aber nicht ausreicht, um die in die Oberfläche eingedrungene Wind-Kälte wieder auszutreiben. Deswegen hat der Patient Fieber, das von allein nicht wieder weggeht.

Unterkategorien